Weltchronik 1493 – kolorierte und kommentierte Gesamtausgabe by Hartmann Schedel

Weltchronik 1493 – kolorierte und kommentierte Gesamtausgabe by Hartmann Schedel

Das Buch der Chroniken

Die handschriftliche Druckvorlage für die nach ihrem Redakteur Hartmann Schedel benannte Weltchronik hat sich in der Stadtbibliothek Nürnberg erhalten und bietet auf der ersten Seite das Programm und den Namen des Autors und des Übersetzers. Angekündigt wird eine Weltchronik, die, eingeteilt in sechs Zeitalter, geschichtliche Ereignisse nacherzählt und dabei ein besonderes Gewicht auf die „beschreibung der berümbtisten und namhaftigsten stett“ (Blatt CCLXX verso) legt. Die Chronik knüpft damit auf den ersten Blick an die überkommene Gliederung der Menschheitsgeschichte im Rahmen der biblischen Heilsgeschichte an, in Analogie zum Sechstagewerk der Schöpfung. Nach dem bekannten Stoff der biblischen Bücher gliedert sich daher auch diese Chronik (Blatt VI recto):

  • das erste Weltalter erzählt von der Erschaffung der Welt bis zur Sintflut
  • das zweite von der Sintflut bis zur Geburt Abrahams
  • das dritte von Abrahams Geburt bis zum Anfang des Reiches Davids
  • das vierte vom Anfang des Reiches Davids bis zur Babylonischen Gefangenschaft
  • das fünfte von der Babylonischen Gefangenschaft bis zur Geburt Christi
  • das sechste (umfangreichste) von der Geburt Christi bis in die Gegenwart.

Hier schließt sich noch ein (kurzes) siebtes Weltalter an, das vom Kommen des Antichrist am Ende der Welt berichtet, und einen Ausblick auf das Jüngste Gericht. Erzählungen von einzelnen Stadtbeschreibungen folgen eher unsystematisch.

Dieses Erzählmuster folgt den lateinischen Universalchroniken des Mittelalters und ebenso der volkssprachigen Chronistik. Auch in den bekannten mittelhochdeutschen Weltchroniken verzahnen sich historische Ereignisse mit Exkursen zu Naturkatastrophen, kriegerische Auseinandersetzungen mit Berichten von Städtegründungen etc.. Parallel zur biblischen Geschichte werden an anderen Orten der Welt stattfindende Ereignisse eingeschoben, so wird z.B. im dritten Weltalter über die Gründung der Stadt Trier zur Zeit des Patriarchen Abraham berichtet (Blatt XXIII recto), da die Gründungssage Triers in einer synchronen Perspektivierung hier einzuordnen ist. Die der Gattung „Chronik“ typische Offenheit ermöglichte es, je nach Interessenschwerpunkt die Geschichte einer Herrschaftsform („Kaiserchronik“), eines besonderen Geschlechtes, einer Stadt oder eine bestimmten heilsgeschichtlichen Erwartung („Christenherre-Chronik“) zu poitieren. Hartmann Schedel legt sein besonderes Gewicht auf die Beschreibung der wichtigsten Städte Deutschlands und des Abendlandes, wobei er – wie Kurt Gärtner nachgewiesen hat – „trotz der mit wissenschaftlicher Akribie eruierten Stammbäume, den bebilderten Papst- und Kaiserlisten und ihrer perfektionierten Chronologie keine zusammenhängende Geschichte“ mehr schrieb, sondern ein „illustiertes Handbuch der historischen Stätten und Gestalten, das durch ein alphabetisches Register erschlossen wurde“ (Gärtner, 1994).

Vor allem diese Städtebilder und die deutliche Dominanz der Abbildungen (1804 Illustrationen von 652 Holzstöcken) machen das besondere Faszinosum dieser Weltchronik aus, die gleichzeitig ein Dokument für die Leistungsfähigkeit der noch jungen Buchdruckerkunst ist. Die Chronik fungiert ebenso als ein historisches Nachschlagewerk wie als aktuelle Bestandsaufnahme der Städtekultur um 1490. In nicht wenigen Fällen finden wir in ihr erstmalig Abbildungen von den behandelten Städten, daneben deren Gründungsgeschichte, die Etymologie der Städtenamen und eine penible Auflistung zeitgenössischer Fakten aus Kultur, Wissenschaft und Handel. Kein Wunder also, dass sie die Zeitgenossen begeistert hat uns sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache erschien, innerhalb eines Jahrzehntes drei Nachauflagen erlebte und trotz des nicht geringen Preises offensichtlich auf eine breite interessierte Käuferschaft stieß; sie wurde im gesamten 16. Jahrhundert immer wieder nachgeahmt und fasziniert bis heute die Betrachter und Leser.

0131


Genre: Historisch, Sachbuch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.